· Voices of Ashkenaz ·

Jiddische und deutsche Volkslieder einer gemeinsamen Tradition

Photo: Adam Berry

Stimmen aus Aschkenas
Aschkenas! Kein Begriff könnte die komplexe Geschichte der Lieder dieses Albums besser beschreiben. Im Hebräischen des Mittelalters wurde mit Aschkenas jene geographische Region bezeichnet, in der Deutsch gesprochen wurde. Ein aschkenasischer Jude war jemand, der in diesem Teil Europas lebte und Westjiddisch sprach, das noch recht nah am Mittelhochdeutschen war. Ab dem Mittelalter wurde die aschkenasische Kulturgeschichte jedoch zunehmend komplex. Nach Pogromen in der Folge der Kreuzzüge und der Pest flohen viele deutsche Juden nach Polen und Litauen, wo sich ein neues Aschkenas etablierte, das bis zum Holocaust das spirituelle und intellektuelle Zentrum des europäischen Judentums war. Hier geschah etwas Besonderes: Juden in Osteuropa assimilierten sich sprachlich nicht vollständig an ihre neue Umgebung sondern verwandelten das Westjiddische
in das Ostjiddische, welches im 20. Jahrhundert von etwa 10 Millionen Menschen in Osteuropa und weltweit gesprochen wurde. In dieser transnationalen, paneuropäischen jüdischen Gemeinschaft, die sich von Litauen im Norden bis nach Bessarabien im Süden erstreckte, entwickelte sich eine unglaubliche Vielfalt an Musik und Kultur.
Die Lieder dieses Albums zeigen jenen Teil des osteuropäischjüdischen Repertoires, der eine starke Verbindung zu deutschen und westeuropäischen Themen, Texten und Melodien hat – eine Verbindung deren Wurzeln es noch zu erforschen gilt: Migrierten deutsche und westjiddische Lieder mit ihren Sängerinnen und Sängern nach Osteuropa?
Reisten sie „alleine“, also z.B. auf Liedblättern und überwanden dabei sprachliche und politische Grenzen in Europa?
Wurden sie von Reisenden zwischen den beiden aschkenasischen Gemeinschaften im Osten und Westen hin- und hergetragen?
Die genaue Herkunft dieses Repertoires bleibt bis jetzt weitgehend im Dunkeln. Aber die Musik und die Texte erzählen uns eine Geschichte, die größer und weiter ist, als der Ursprung der einzelnen Lieder. Diese gingen irgendwann getrennte Wege und entwickelten sich über hunderte von Jahren in ihren jeweiligen kulturellen und geographischen Gebieten. Kommen sie nun wieder zusammen, gleicht dies einer lange überfälligen Familienzusammenkunft: „Oh, du hast dich gar nicht verändert!“, „Du wirst auch nicht älter.“, „Wie geht es Großvater?“, „Wir haben so viel gemeinsam!“. Dieses Repertoire erzählt eine außergewöhnliche, europäische Geschichte. Die Geschichte eines Europas geeint durch Lieder, die von Menschen auf allen Seiten der politischen, religiösen, kulturellen und sozialen Grenzen in Ost und West gesungen wurden, lange bevor die Europäische Gemeinschaft auch nur der Hauch einer Idee war.
Wir, die Musikerinnen und Musiker haben dieses Material mit viel Freude gesammelt, arrangiert, aufgeführt und eingespielt. Wir hoffen, dass unser Enthusiasmus und unsere Leidenschaft für dieses Repertoire in der Musik zu hören sein werden. Viel Vergnügen!

Photo: Adam Berry

Auf eine spannende Reise hat sich das Ensemble Voices of Ashkenaz begeben. Sechs Musikerinnen und Musiker aus den USA, Ukraine/Israel und Deutschland widmen sich den überraschenden Verwandtschaften und Parallelen jiddischer und deutscher Volkslieder.

Das Konzertprogramm ist eine kreative Annäherung an diese Verwandtschaften, ein Spiel mit Melodien und Texten. Extrem spannend und nie gehört kommen hier Traditionen zusammen, die einmal im Aschkenas (hebr.: Deutschland) der frühen Neuzeit zusammengehörten – und gerade durch ihre unterschiedliche Entwicklung in verschiedenen Kulturen, Zeiträumen und Orten faszinieren.

Ein solches Repertoire braucht besondere Sängerinnen und Sänger – und die sind seit 2016 in dieser Band vereint. Mit Sveta Kundish und Michael Alpert singen in den Voices of Ashkenaz die beiden besten Vertreter ihrer jeweiligen Generation.

Sie bringen alles mit, was es für dieses spezielle Repertoire braucht: Neben einer traumwandlerischen stilistischen Sicherheit haben die beiden Erfahrung in fast allen Gesangsstilen Europas von West bis Ost, eine tiefe Verwurzelung im jiddischen Lied und seinen diversen Traditionen – und eine große Liebe zu allem, was diesen verwandt ist. Michael Alpert, seit 40 Jahren eine Lichtgestalt der weltweiten Szene der jiddischen Musik, wurde 2015 mit einem National Endowment for the Arts Fellowship ausgezeichnet, dem bedeutendsten Preis für traditionelle Kunst in den USA.

Deborah Strauss und Vivien Zeller erfüllen die selben Qualitäten als Violinistinnen des jiddischen und norddeutschen Stils, die neugierig und virtuos mit der Tradition der Anderen umgehen.

Rhytmisches und harmonisches Fundament bieten Kontrabassist Thomas Fritze und Bandleader, Gitarrist und Mandolinist Andreas Schmitges; beide sind aus zahlreichen Klezmer-, Jazz- und Folkprojekten bekannt.

Als Gäste spielen auf der im Sommer 2016 erscheinenden ersten CD des Ensembles der Dreheier Virtuose Till Uhlmann und der weltweit bekannte Akkordeonist und Yiddish Summer Festivalleiter Alan Bern. Beide sind auch hin und wieder auf Konzerten des Ensembles zu hören.*

Ein Erlebnis und auf vielen Ebenen eine Premiere, die Sie nicht verpassen sollten!

Michael Alpert (New York) – Gesang, Violine, Rahmentrommel
Thomas Fritze (Köln) – Kontrabass, Gitarre, Perkussion, Gesang
Sveta Kundish (Ukraine/Israel, heute Berlin) – Gesang
Andreas Schmitges (Köln/Halle) – Gitarre, Mandoline, Gesang
Deborah Strauss (New York) – Violine, Akkordeon, Gesang
Vivien Zeller (Berlin) – Violine