Vedan Kolod

Vedan Kolod

© Marie Gloredel

Im Sommer 2019 brennen die sibirischen Wälder: Ein Gebiet von der Größe Griechenlands steht in Flammen. Besonders betroffen ist die Großstadt Krasnojarsk. Die Einwohner der Millionenstadt leiden wegen des Rauchs unter Atemnot. Es wird rund 100 Jahre dauern, bis sich die Wälder wieder erholt haben.
In diese apokalyptische Landschaft kehren Vedan Kolod zurück, um ihr achtes Album „Wild Games“ aufzunehmen. Das sibirische Folk-Trio
stammt ursprünglich aus Krasnojarsk, hat aber die vergangenen sieben Jahre in Moskau verbracht und war an verschiedenen internationalen Kunstprojekten beteiligt. „Wir waren in diesem Sommer sehr traurig und deprimiert, weil ein großer Teil der sibirischen Wälder brannte. Wir haben das Album aufgenommen, während unsere Heimatstadt in Rauch gehüllt war. Für mich ist das Album ein Aufschrei für Mutter Natur“, betont Sängerin und Perkussionistin Daryana Antipova. Besonders empört ist sie darüber, dass die Löscharbeiten so spät begannen. Der Grund: Mehr als 90 Prozent der brennenden Flächen lagen in „kontrollierten Zonen“. Für diese Gebiete gilt in Russland seit dem Jahr 2015, dass die Regionalregierungen gar nichts tun müssen, wenn die Kosten des Löschens höher liegen, als der durch den Brand entstehende Schaden. Wenn der Wald als wirtschaftlich nicht nutzbar gilt, liegt der Schaden also angeblich bei null. „Im Sommer können wir wegen der Brände nicht atmen, im Winter wegen der Luftverschmutzung nicht“, lautet die bittere Bilanz von Antipova. Nachdem sie nun einige Jahre fern ihrer Heimat gelebt haben, sind Vedan Kolod schockiert, wie sehr sich die ökologische Lage in der sibirischen Taiga
inzwischen verschlechtert hat, „in diesen riesigen und unabhängigen Gebiete, in denen unsere Vorfahren ein besseres Leben für sich und ihre Kinder gesucht haben.“
Mit „Wild Games“ feiern Vedan Kolod trotz der schwierigen äußeren Bedingungen ihr 15jähriges Bestehen. Es ist das erste Album seit dem 2014 veröffentlichten „Gorodische“.
Mit „Wild Games“ lässt das Trio seine intensive Beschäftigung mit mittelalterlichen Klängen hinter sich und knüpft an das erste Album „Tribes“ aus dem Jahr 2005 an, das sich mit der schamanischen Musiktradition Sibiriens beschäftigte. „Wild Games“ wurde unter Live-Bedingungen aufgenommen und nur sehr sparsam nachbearbeitet. Zentraler Song des Albums ist laut Sängerin Tatyana Naryshkina der Track „Fox“, der mit seinen auf der schamanischen Tradition basierendem Gesang und den perkussiven Elementen am Schluss zu den Anfangstagen der Band zurückkehrt. In „Fox“ geht es um ein Mädchen, das
zur Füchsin wird. „Nach diesem Song nahm der Rest des Albums Gestalt an“, erinnert sich Naryshkina. Als gestaltende Elemente kamen Kinder-Volksweisen hinzu. Gespielt wird auf historischen Instrumenten.

Trotz der schwierigen äußeren Bedingungen: „Wild Games“ ist ein Album, das von der Liebe der Bandmitglieder für die harte sibirische Natur und ihre wilde Tierwelt geprägt ist. Die Tiere und ihr „endloses Spiel mit dem Tod“ waren die Hauptinspiration für die Kompositionen, berichtet Sänger und Multiinstrumentalist Valery Naryshkin.
Vedan Kolod stammen aus dem sibirischen Krasnojarsk und verfolgen ein großes Ziel: Die jahrhundertalte musikalische Tradition ihrer Heimat lebendig zu halten! Tatyana Naryshkina, Valery Naryshkin und Daryana Antipova stammen alle aus einer Familie und begannen schon als Kinder im Alter von vier Jahren, gemeinsam mit ihren Großeltern zu musizieren.
„Traditionelle Musik war immer ein Teil unseres Lebens“, erinnert sich Daryana Antipova. Im Jahr 2005 fanden die Drei als Ensemble zusammen. Ihr Schwerpunkt: traditionelle Lieder aus Sibirien und Westrussland, aber auch Eigenkompositionen. Besonderen Wert legen Vedan Kolod darauf, die Musik aus vorchristlicher Zeit und aus dem Mittelalter wiederzuentdecken. Dafür haben sie in ganz Russland die Archive durchstöbert. Das Ensemble singt in altrussischer bzw. altslawischer Sprache und beschäftigt sich inhaltlich mit Mythen und Legenden aus seiner Heimat. Der Bandname heißt übersetzt aus dem
Altrussischen übrigens „Prophetischer Baum“. Der Hintergrund: „Der Baum verbindet die Erde mit dem Himmel, erinnert sich an unsere Vergangenheit und kennt die Zukunft“, sagen die drei Bandmitglieder. Hölzerne Instrumente sind für sie auch „Geschichtenerzähler“. Historisch war das Musizieren auf den traditionellen Instrumenten eng mit der reichen Vokaltradition verknüpft.
Vedan Kolod verwenden für ihre Musik zahlreiche traditionelle Volksinstrumente, die in ihrer Heimat schon fast vergessen waren. Etwa die Gusli, eine griffbrettlose Kastenzither, die Okarina, eine Gefäßflöte oder das skythische Horn. Valery Naryshkyn selbst restauriert oder rekonstruiert die Instrumente in Handarbeit.
Bereits im Gründungsjahr wurde das Ensemble mit dem Preis als beste russische Volksmusikgruppe beim Uuste-Huree-Festival in der autonomen russischen Republik Tuwa ausgezeichnet. Vedan Kolod sind seit 2005 auf zahlreichen Festivals aufgetreten, vor allem in Russland selbst. Das Ensemble hat bislang sieben Alben aufgenommen und hat zudem mit anderen Folk-Bands zusammengearbeitet. Vedan Kolod gestalten regelmäßig ihr eigenes Programm im Moskauer „Folkradio“ und haben auch den Soundtrack für einen Cartoon veröffentlicht.
Krasnojarsk, die Heimatstadt von Vedan Kolod, ist die drittgrößte Stadt Sibiriens und ein wichtiger Haltepunkt entlang der transsibirischen Eisenbahn. Ein idyllischer Ort ist die sibirische Metropole allerdings nicht: Im Stadtgebiet liegt das zweitgrößte Aluminiumwerk Russlands. Berühmt-berüchtigt ist Krasnojarsk als Ort der Verbannung: Lenin lebte ab 1897 zwangsweise drei Jahre lang nahe der Stadt.

Discografie

  • Wild Games

    Wild Games

    Erscheinungsjahr: 2020

    Katalognummer: CPL041

© 2005 – 2020 Nordic Notes | Impressum | Datenschutz